• JO.

Erziehung mit Humor

Aktualisiert: 19. Jan 2019



An manchen Tagen, das gebe ich zu, fühle ich mich als Mutter einer 22 Monate alten Tochter (ihr starker Willen erscheint mir nicht selten mindestens doppelt so alt) als stünde ich kurz davor, um eine Audienz bei der Supernanny bitten zu müssen. Dann atme ich mantra-artig tief ein und aus. Ich reflektiere, warum ich mich gerade eher wie ein Dompteur als eine Bezugsperson fühle. “Nein, nicht mit den Marmeladenfingern durchs Haar! Nein, Mausi, es gibt jetzt keinen Quetschie, die Mama hat nur einen Apfel dabei! Oh nein, Kind, nicht so weit hoch klettern! Nein nein, die Schublade bleibt zu!”... Fräulein Rottenmeier würde stolz ihre Brille zurecht rücken. Mir hingegen geht ein Licht auf. Ich brauche mich nicht zu wundern, dass mir aus etwa 85cm Höhe derselbe Wind entgegen weht. Zähneputzen? “Neiiiin”. Festes Schuhwerk anziehen? “Nei-heiiiin.” Dem Spielplatz für heute Auf Wiedersehen sagen? “Neinneinnein!” Und dann sind da die Tage, an denen ich wohl nur mit Glück einer Abofalle entkomme, so sehr vermeide ich es, mich abzugrenzen und sage einfach “Ja.” Ob zum Kind oder Erwachsenen gegenüber, ich bejahe dann nahezu alles. Freiwillig Überstunden? “Sehr gern.” Den Großabwasch? “Ja, Schatz, den übernehme diesmal ich.” Ein neuer Mobilfunkvertrag? “Ja, natürlich.” Vielleicht, um meinem Gegenüber keinen Wunsch abzuschlagen? Oder weil ich noch zu müde von zu wenig Schlaf bin. Oder weil ich mir wünsche, dass die Stimmung gerade nicht zum Negativen kippt.


Wahrscheinlich fällt mir ganz einfach die Balance zwischen meinem inneren Fräulein Rottenmeier und der notorischen Ja-Sagerin in mir so schwer. Dann werde ich doch tatsächlich erfinderisch. Mit deeskalierenden Spielchen umschiffe ich die Gefahrenzone der Nein-Inseln, indem ich diesem kleinen Wörtchen einfach weniger Raum gebe.

Auf die Frage, ob wir vor dem Einschlafen aus dem Buch mit dem Uhu oder dem Igel lesen, kann schließlich schlecht mit Nein geantwortet werden. Und wenn ich zwei Zahnbürsten zur Auswahl stelle, passt die sonst so typische Antwort eben auch nicht.

Denn das ist zum Beispiel ein Gebiet, auf dem sich die Frage nach dem “ob” eben gar nicht erst stellt. In Sachen Körperpflege nicht zu verwahrlosen, sich halbwegs sicherheitskonform im Straßenverkehr zu bewegen und hin und wieder Nahrung aufzunehmen, das alles ist eben nicht verhandelbar. Und da sage ich ganz stark Ja zur Verantwortung und Nein dazu, dass mein Kind ohne Klarheit aufwächst. Denn wie soll es sich im weiteren Leben selbst klar abgrenzen, wenn es ein solches selbstwirksames Verhalten nicht in der Kindheit erlernt hat? Ein selbstbewusstes Nein kann eben nur dann selbst produziert werden, wenn man es selbst erfahren hat.


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