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Familienfeiern und andere Feste

WIE FRÜHER VIELES ANDERS WAR



Wenn ich an meine Kindheit denke, fällt mir zuerst ein, wie groß unsere Familie war. Omas und Opas, Tanten und Onkel, Vettern und Cousinen lebten im engeren Umkreis. Selbst die dänische Verwandtschaft wohnte gleich hinter der Grenze. Dadurch gab es viele Gelegenheiten zusammenzukommen und gemeinsam zu feiern. Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Geburtstage, Konfirmationen und Hochzeiten waren willkommene Anlässe dazu.


Und alle kamen, wenn sie es irgendwie möglich machen konnten. Es wurde gegessen und getrunken. Die Erwachsenen unterhielten sich über frühere Zeiten. Bis spät in die Nacht ging es so. Wir Kinder waren mäuschenstill und hörten gespannt zu. Die Gespräche kreisten um Jugenderinnerungen, Reiseabenteuer und besonders Kriegserlebnisse. Das war nicht verwunderlich, hatte doch der Krieg das Leben der Menschen so sehr verändert. Von allen Familienfesten ragten besonders die Weihnachtsabende heraus. Außer unserer eigenen fünfköpfigen Familie waren immer auch die Großeltern, andere Verwandte und Freunde dabei.


Die sogenannte Weihnachtsstube, getrennt durch eine Schiebetür vom Esszimmer, war schon seit Tagen zugesperrt. Der Weihnachtsmann richtete dort den Christbaum her und platzierte die Geschenke. Selbst das Schlüsselloch war mit Papier verstopft, damit wir nicht hineinspähen konnten. Nach dem ausgiebigen Abendessen, meistens Wildbraten, warteten wir gespannt und ungeduldig darauf, dass der Weihnachtsmann das Haus verließ, damit Mutter die Tür zur Weihnachtsstube öffnen konnte. Was für ein Bild: Der Christbaum, hoch bis zur Zimmerdecke reichend, mit brennenden Lichtern und Wunderkerzen und darunter die Geschenke. Es war magisch.


Auch als wir schon lange nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubten, gehörte dieses Ritual immer noch zum Heiligen Abend. Jeder musste sein Gedicht aufsagen und gemeinsam sangen wir ein Weihnachtslied, begleitet vom Akkordeon und der Blockflöte der Schwestern. Und dann erst stürzten wir uns auf die Geschenke. Eine Sperrstunde war nicht angesagt. Irgendwann übermannte uns jedoch die Müdigkeit, die Gäste verabschiedeten sich und wir schafften es gerade noch bis zum Bett, um dann selig und träumend einzuschlafen. Alljährlich zwischen Weihnachten und Silvester traf sich die große Enkelschar an einem Tag bei Oma Lene. Der Duft von Bratäpfeln und ihren selbstgebackenen Kuchen empfing uns. Für Jede und Jeden hatte sie ein Geschenk. Doch die Hauptattraktion waren Omas Apfelpfannkuchen. Klein und kugelig wurden sie von uns noch mit Zucker bestreut und warm gegessen. Zwischen uns Jungen entwickelte sich jedes Mal ein Wettessen. Meistens triumphierte Vetter Hans, auch wenn ihm dabei so manches Mal schlecht wurde.


Erlebnisse der besonderen Art waren die Zusammenkünfte bei der Verwandtschaft in Dänemark. Am Anfang der 1950er-Jahre erschien uns Dänemark wie das gelobte Land. Im Vergleich zum vom Krieg beschädigten Deutschland war es das wohl auch. Hier hatte es schließlich keinen Krieg gegeben und das Ausmaß der Zerstörung hatte vor den Grenzen Dänemarks halt gemacht. Es war das Idyll der heilen Welt, das wir so genossen. Onkel Henrik, seine Frau Elsa und seine Schwestern Tina und Milli lebten in Wohngemeinschaft in ihrem Haus in einem kleinen Dorf in Nordschleswig nicht weit jenseits der Grenze. Sie besaßen einen typischen Hökerladen, wie man ihn wohl heute kaum noch findet. Dieser Laden übte auf uns Kinder schon durch seinen Geruch einen wahren Zauber aus. Er befand sich im Erdgeschoss des Hauses. Von Lebensmitteln, Textilwaren, Werkzeug, Haushalts-, Kurz- und Papierwaren bis zu Zigaretten gab es alles Lebensnotwendige zu kaufen. Tante Elsa und Tante Milli waren unsere Lieblingstanten. Sie steckten uns heimlich Süßigkeiten zu. Onkel Henrik und seine strenge Schwester Tina durften davon nichts erfahren.


Wie in Dänemark üblich wurde viel gegessen. Der Tag begann mit dem Frühstück. Auf dänisch „Morgenmad“ genannt. Zu Mittag gab es „Frokost“, am Nachmittag „Eftermiddagskaffe“ und am Abend „Middag“, ein opulentes Abendessen. Für uns Kinder standen gelbe, orangefarbene und klare Limonaden zur Auswahl. So etwas gab es bei uns zu Hause nicht. Die Entscheidung war nicht einfach. Entlassen wurden wir erst nach dem späten sogenannten „Midnatskaffe“.


Außer Familienfeiern gab es auch noch andere Festlichkeiten. Von besonderer Art waren auch die Betriebsfeste der Firma, in der mein Vater beschäftigt war. Die Mitarbeiter führten eine sogenannte Belegschaftskasse und sammelten im Laufe des Jahres Geld für das Betriebsfest. Die Firma glich den größeren Fehlbetrag großzügig aus. Eingeladen waren auch die Familienangehörigen der Mitarbeiter und des Chefs. Die Feste waren spektakulär. Jeder kam auf seine Kosten. Sie trugen ganz wesentlich zu dem Familiengefühl im Betrieb bei.

Diese Betriebsfeste sind mir bis heute unvergessen. Es waren schöne Zeiten. Was ist heute anders? Vieles aber nicht alles ist anders. Es gibt nach wie vor Familienfeste, Kinderfeste, Klassenfeste und wenn nicht Betriebsfeste, so doch Abteilungsfeste in den großen Betrieben. Aber die Familien haben sich verändert. Sie sind in aller Regel viel kleiner, haben weniger Kinder. Ich erkenne es an meiner eigenen Familie. Früher lebten unsere vielen Verwandten im engen Umkreis.


Es war einfach, sich auch ohne Einladung zu treffen. Der Zusammenhalt war dadurch recht groß. Heute leben die wenigen Familienmitglieder weit verstreut in Deutschland und im Ausland. Da bedarf es eines großen Aufwands, um sie zusammenzubringen. Das gilt auch für andere Familien in meinem Bekanntenkreis. Unsere Gesellschaft ist sehr mobil geworden.


Schüleraustausch und Studienaufenthalte im Ausland sind keine Seltenheit. Die großen Firmen schicken ihre Mitarbeiter in ihre Auslandsvertretungen. Ganz allgemein reisen die Menschen heute in die entferntesten Länder. Das Leben ist globaler geworden. Die alten Traditionen haben so zum Teil an Wert verloren. Wir Älteren sollten das nicht beklagen. Die jungen Menschen haben ihre eigenen, anderen Werte und Ziele. Uns bleibt immer die Erinnerung.


IN DER KOLUMNE RÜCKBLICK BERICHTET GASTAUTOR PETER BORGWARD REGELMÄSSIG ÜBER PERSÖNLICHE ERLEBNISSE.

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