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FRÜHLINGSERWACHEN

GRÜNE ERINNERUNGEN AN KINDLICHE VERGNÜGUNGEN IN DER SCHÖNSTEN JAHRESZEIT


Der Winter war nur noch eine Erinnerung, der Hauch von Frühling lag in der Luft. Die Tage wurden spürbar länger, morgens wurde es früher hell und abends später dunkel. Und mit den steigenden Tempe- raturen erwachte gleichzeitig auch die Natur aus ihrer Winterruhe. Zeit für uns, unser kleines Stück Grün sommerfertig zu machen.


Unsere Eltern hatten Ende des Krieges einen Schrebergarten am Stadtrand erworben. An den Wochenenden fuhren sie mit uns Kindern mit dem Fahrrad dort hin: eine meiner Schwestern auf dem Gepäckträger, ich auf der Längsstange von Vaters Rad, die jüngere Schwester vorne bei Mutter im Kinderkorb – und auf dem Gepäckträger ein Korb mit Verpflegung.

Der Baumschnitt war bereits im Februar erledigt worden. Nun musste der Garten für den bevorstehenden Sommer vorbereitet werden. Als erstes wurde die vom Schnee festgedrückte Erde umgegraben und gelockert. Wir Kinder waren noch zu jung, um eine wirkliche Hilfe dabei zu sein, obwohl wir natürlich auch mit kleinen Spaten und Harken dabei sein durften. Wir genossen den Garten. Unsere Eltern genossen die Gartenarbeit. Wir alle genossen das Zusammensein. In den ersten Jahren nach dem Krieg hatte unser Vater Tabak angebaut. Die Blätter hingen in der Laube und auch zu Hause auf dem Boden zum Trocknen. In den Geschäften gab es keine Zigaretten zu kaufen. Tabak war Luxus. Und wir hatten uns diesen kleinen Luxus selbstgemacht.


Mit der Währungsreform änderte sich dann einiges. Auch bei uns im Schrebergarten. Kartoffeln, Rhabarber und Erdbeeren wurden gepflanzt. Später erfolgte die Aussaat von Karotten, Radieschen, Spinat und Kräutern. Was heute total im Trend liegt, war auch damals schon für uns ein großes Vergnügen. Und auch wenn im Vergleich zu heute die Auswahl der Früchte begrenzt war, machten wir genau das, was heute angesagt ist: ein bisschen grüne Freiheit mit jeder Menge (Bio-)Köstlichkeiten verbinden. Während es uns damals noch jedes Wochenende in unseren kleinen Garten an den Stadtrand zog, ist die Garten-Idee mittlerweile auch mitten in der Stadt angekommen. „Urban Gardening“ heißt das Konzept, bei dem Obst und Gemüse mitunter auf kleinster Fläche in und an jedem Zuhause angebaut werden kann. Den Begriff gab es damals noch nicht. Unser hübscher Garten versprach aber genau das, was das Konzept heute möchte. Und auch die Schrebergärten sind seit einiger Zeit wieder voll im Trend.

Naturnaher Anbau von Ost und Gemüse sind dabei genauso wichtig wie das Stückchen Natur, das sich mittlerweile auch viele junge Familien wieder nach Hause holen.

Vieles, was heute in unseren Regionen angebaut wird, war uns nicht bekannt. Aber darum ging es damals auch gar nicht. Es war der Familienausflug, es war die gemeinsame Arbeit und die gemeinsame Zeit, die uns damals und heute Freunde bereitete. Während es im Winter nur heimisches Gemüse wie Weißkohl, Rosenkohl, Grünkohl, Rotkohl und Winterkartoffeln, die im Keller gelagert waren, gab, sorgten wir mit unserer Gartenarbeit im Frühjahr für frische Abwechslung. Wir hatten unseren Spaß und waren gespannt, zu sehen, wenn später die erste Saat aufging. Alles begann zu blühen und zu grünen. Und wenn der erste Spargel auf dem Wochenmarkt angeboten wurde, gab es Spargel und Schinken mit neuen Kartoffeln aus eigenem Garten zu Mittag. Auf die Erdbeeren mussten wir aber noch bis zum Sommer warten. Nach ein paar Jahren mussten die Eltern den Garten leider aufgeben. Das Land wurde zum Baugebiet umgewidmet.

 

IN DER KOLUMNE RÜCKBLICK BERICHTET GASTAUTOR PETER BORGWARD REGELMÄSSIG ÜBER PERSÖNLICHE ERLEBNISSE.

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