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"HOCHZEIT IN JAKOBSWALDE"

JOSEPHINE LALOI ERZÄHLT VON DER GESCHICHTE IHRER GROSSMUTTER UND VON DER ENTSTEHUNG DES BUCHES „HOCHZEIT IN JAKOBSWALDE“


„Das Projekt begann Anfang

des Jahres zunächst mit der Vorstellung, aus den Zeichnungen der Großmutter Eleonore einen Bildband in Form eines Buches anzufertigen. Während des Entstehungsprozesses entstand die Idee, aus den Geschichten, von denen diese Bilder erzählen, etwas zu schaffen, das greifbar ist und von Generation zu Generation weitergegeben werden kann.

Aber von Anfang an: Meine Großmutter malte die Bilder überwiegend in den 80er- Jahren, also als in ihren 40ern. Über die Jahre tauchten hier und dort innerhalb der Familie einige ihrer Zeichnungen auf, aber wie viele sie tatsächlich gemalt hatte, wusste keiner so genau. Erst durch den Auszug meiner Großmutter aus ihrem Haus in ein Pflegeheim und die Durchsicht ihrer persönlichen Dinge kamen (fast) alle Bilder ans Licht. Meine Großmutter sagt, es fehle noch genau eins – doch wo das abgeblieben ist, weiß niemand. Mein Onkel fertigte Fotografien dieser Bil-der an und händigte sie meiner Großmutter aus. Gemeinsam mit ihr schaute ich die Kunstwerke durch und erkannte erstmals das Abbild ihrer Kindheit, den Umfang der Darstellungen und wie stimmig die Themen der einzelnen Szenen zueinander sind. Es war sehr emotional für uns, gemeinsam die Kindheitserinnerungen meiner Großmutter noch einmal zu durchleben. Meine Oma berührt mich sehr, auch wenn ich längere Zeit örtlich nicht bei ihr war. Ich denke jeden Tag an sie, ich trage sie im Herzen – durch all meine Lebenserfahrungen hindurch.

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Zur Künstlerin: Eleonore Laloi ist 1938 in Gleiwitz, Oberschlesien geboren. Zu Kriegszeiten floh sie mit ihrer Familie nach Norddeutschland und wohnte seitdem in Kiel, Holtenau. Sie zog ihre zwei Söhne – der jüngere davon ist der Vater der Autorin – allein groß.

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Manchmal wünsche ich mir, ich könnte ihr Kraft und Energie geben, um ihr heutiges Leben leichter zu bestreiten, denn Leichtigkeit hat sie verdient ... Doch zurück zum Projekt! Während ich auf meinem Heimweg auf der Autobahn Richtung Hamburg fuhr, kam mir die Idee, aus den Bildern ein vollständiges Buch anzufertigen. So begann ich einige Tage später, meine Großmutter und auch ihre Cousine Ingeborg zu den Erlebnissen von damals in Jakobswalde zu befragen. Aus den Erzählungen, mitunter in wörtlicher Wiedergabe und einem Hauch Fantasie und Kreativität meinerseits, entstanden insgesamt 15 Kurzgeschichten auf 51 Seiten mit Texten und Bildern. Aufgeteilt in die Kapitel Frühling, Sommer, Herbst und Winter stellen die Bilder und die dazu verfassten Geschichten eine Reise durch die vier Jahreszeiten dar, mit den Familienmitgliedern meiner Großmutter als Hauptdarsteller.

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Zur Autorin: Josephine Sharin Laloi ist 27 Jahre jung

und geboren in Kiel. Die gelernte Sozialpädagogin lebt seit sechs Jahren in Hamburg und arbeitet seit vier Jahren mit Menschen in problematischen Lebenslagen. Im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit steht die Betreuung von Menschen mit psychischen und Abhängigkeits- Erkrankungen.

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Ich benötigte ungefähr drei Monate zur Gestaltung des Buches. Dabei unterstütze mich auch Frau Ursula Dreager von der Druckerei „Einblatt Druck“ in Kiel. Ich war ja völlig unerfahren in der Ausgestaltung eines Buches, umso dankbarer war ich, dass Frau Draeger mir mit ihrer Expertise beiseite stand und auch meine – manchmal verrückten – Ideen zu realisieren wusste. Sie verstand direkt, dass dieses Projekt eine Herzensangelegenheit ist und ich bedanke mich für die wirklich tolle Zusammenarbeit! In einer kleinen Auflage von 100 Stück, von denen natürlich viele Exemplare an Freunde und Familie gingen, sind noch einige übrig. Für 24,20 Euro können Interessierte das Buch direkt bei mir bestellen.

Ich wollte meiner Großmutter mit dem Projekt auch etwas zurückgeben: Ihr zeigen, dass sie nicht nur eine wundervolle Familie erschaffen und Werte wie Nächstenliebe und Fürsorge an uns vermittelt hat, sondern auch eine inspirierende und künstlerisch begabte Person ist. Ich möchte ihr zeigen, dass sie etwas geschaffen hat, das über alle Zeit hinaus wiedererlebt und weitergegeben werden kann und dass sie sehr stolz auf sich sein kann. Ich bin jedenfalls sehr stolz auf sie, denn sie wusste schon damals Grenzen zu hinterfragen und im besten Falle zu überschreiten. Wir durften bei ihr frei und kreativ sein. Wenn ich als sechsjähriges Mädchen um drei Uhr nachts nicht schlafen und stattdessen lieber backen wollte, ja, dann war das kein Problem. Und wenn es kein Mehl gab, dann nahmen wir halt etwas anderes. Meine Großmutter ließ uns den Freiraum, den sich jedes Kind wünscht. Durch die thematische Auseinandersetzung mit Pädagogik innerhalb meines Studiums und während meiner Arbeit erfuhr ich, wie sensibel Kinderseelen sind. Gegenüber negativ erlebten Reizen sind sie sehr empfindsam. Bilder und Geschichten können eben solche Reize auslösen. Deshalb ist umso wichtiger, Kinderseelen mit farbenfrohen, leichten und naturverbundenen Themen möglichst positiv zu stimulieren.

Die Szenen in den Bildern sind überwiegend Erlebnisse aus der Kindheit meiner Großmutter Eleonore: Ihre Kindheitstage damals in Jakobswalde, das im heutigen Polen in Oberschlesien liegt. An diesem schönen Ort, nahe eines Waldes und des Flusses Birawka, zwischen Feldern, die der Ernährung von Mensch und Tier dienten, erlebte sie gemeinsam mit ihrer Familie schöne und unvergessene Momente.


Geschildert werden Erlebnisse inmitten der Natur bei ihrer Großmutter Rosalie und ihrem Großvater, dem Schneidermeister Eduard. Die Familie war groß: Da waren ihr Bruder Günter, Cousin Manfred, die Cousinen Ingeborg und Hannelore, Mutter Anna, Tante Bertel, Tante Martha, Onkel Hans, Cousine Adelheid, Cousin Walter, Großmutter Rosalie und Großvater Eduard. Sie alle sind Teil dieser Erinnerungen und finden sich in Großmutters Bildern wieder. Lediglich Vater Hugo fehlt auf den Bildern, da er in Russland an der Front kämpfte. Durch die intensive Auseinandersetzung mit den Bildern erhielt ich ganz neue Einblicke in das Leben meiner Oma – Einblicke zu ihren Erlebnissen mit ihren und auch meinen Verwandten. Ihre Familie ist schließlich auch meine Familie, denn wenn sie nicht wäre, wäre ich auch nicht. Beim Anschauen genieße ich das Glück und die Zufriedenheit in den Gesichtern der auf den Zeichnungen abgebildeten Personen.


Auch die Tiere – jedes einzelne Lebewesen – sehen glücklich und zufrieden aus. Das Titelbild „Der Marsch der verkleideten Kinder“ ist mein Lieblingsbild. So viel Freiheit und Frohsinn, so viel kindliche Schaf- fenskraft. Die viel zu großen Kleider und Schuhe, einer läuft barfuß, manch einer hat die Augen zu und singt, alle genießen. Es ist die pure Lebensfreude. Das ist es, was ich vor allem mitnehme aus den Bildern – Lebensfreude. Das Lieblingsmotiv meiner Großmutter ist das erste Bild, das ich außerhalb der Kapitel platziert habe. Es zeigt eine Frau in der Stube mit vielen Katzen. Überall sind Katzen, sogar in der Tasche des Kittels sind zwei versteckt.


Und an der Wand der Stube hängt ein Bild. Die Szene auf eben diesem Bild malte meine Großmutter später noch mal als einzelnes Werk: Tanzende Frauen aus der Geschichte

„Der Apfelblütentanz“. Als ich es sah, musste ich lachen. So sehr passen die Bilder zu- einander! Die Geschichte beginnt also mit diesem Bild, und wie ich später erfuhr, ist es auch das erste Bild, das meine Großmutter malte. Wie passend, nicht wahr? Hochzeit in Jakobswalde spricht all jene Menschen an, die in ihrer Kindheit viel Zeit in der Natur verbracht haben. Menschen, die vor den Schrecken des Krieges in einer heileren Welt lebten und allerlei Schönes erlebten. Das Buch fördert den Austausch zwischen Jung und Alt – die Großeltern können noch einmal durchleben, was sie damals erlebten und ihre Angehörigen daran teilhaben lassen. Die Gemeinschaft kann daran wachsen. Wir können zusammenrücken und einander zuhören. So, wie ich meiner Großmutter zuhörte und heute noch zuhöre, wenn ich versuche, ihre Gefühle zu verstehen und ihr meine zu erklären. Obwohl diese Bilder wohl die letzten reinen, positiven Erinnerungen meiner Großmutter sind, bevor Krieg und Verlust schwere Zeiten brachten, hielt sie am Guten und Schönen fest. Jahrzehnte später nahm sie Farben in die Hand und malte diese kostbaren Erinnerungen so schön und prachtvoll, wie nur ein Kind sie erleben konnte. So detailliert, als ob es gestern gewesen sei.

Ich wünsche mir, dass das Buch zur gemeinsamen Kommunikation anregt. Auch wenn Sie kein Interesse daran haben, dieses kleine Werk zu kaufen oder zu lesen, freue ich mich, wenn Sie durch diese Geschichte wieder Lust und Interesse verspüren, mit Ihrer Familie oder Ihrem Umfeld in Kontakt zu treten. Denn wie schön und wichtig ist es, sich auszutauschen und Fragen darüber zu stellen, wie es denn eigentlich früher war – sodass wir einander zuhören, miteinander ins Gespräch kommen und uns begegnen.“


Kontakt: josephine.laloi@web.de

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