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Hoher Reifegrad

Aktualisiert: 7. Mai 2019

Helden der Gastronomie „Ü 20“ in Kiel - von Jochen Strehler


Jochen Strehler; Foto: Ute Boeters

Seit 1974 gilt man in Deutschland bereits mit vollendetem 18. Lebensjahr als „volljährig“. Davor musste man mindestens 21 Jahre alt sein, um an Wahlen teilzunehmen zu können, tatsächlich als „geschäftsfähig“ zu gelten.

In der Gastronomie gelten zum Glück andere Regeln. Erfolge lassen sich auch schneller erzielen und gerade in der jüngeren Zeit hat die Landeshauptstadt bemerkenswerte Neugründungen erleben dürfen. Hier sei das „Mamajun“ im Jägersberg genannt oder das „Lagom“ im Düsternbrooker Wegb, herausragend und mit Stern gekürt das „Ahlmanns“ im Kieler Kaufmann. Das „Fischers Fritz“ im Hotel Birke liefert schon lange tolles Handwerk und das „Pastis“ brachte französisches Flair nach Kiel. In Schilksee schließlich zeigt das „el möwenschiss“, dass Holsteiner Regionalküche mit spanischen Tapas aus einer Küche funktionieren kann.

Hier soll geschrieben werden, über Stätten mit „hohem Reifegrad“ gehobener Kulinarik, die es geschafft haben, zwei Jahrzehnte und mehr zu überdauern und immer noch „am Markt“ sind, wie man so sagt. Sehr viele Klassiker sind es überraschenderweise gar nicht, die sowohl die Hürde „Ü21“ als auch die Latte „handgemachte Frischküche“ überspringen.


Die Küchenkolumne von Jochen Strehler, einer der 7 Gründerväter von FeinHeimisch e.V.

„Urgestein und Kenner der Kieler Feinschmecker-Küche“

Jochen Strehler wollte ursprünglich Maschinenbau studieren, um Ingenieur zu werden – Zum Glück für alle Freunde des guten Geschmacks entschied er sich anders und wurde stattdessen Koch.


Sein beruflicher Werdegang begann in den 90er-Jahren in „Andresen´s Gasthof“ – bis vor Kurzem ein kulinarisches Kleinod in Schleswig-Holstein, aus Personalmangel momentan leider geschlossen.

1991 folgte die Eröffnung des Restaurants „Damperhof“ in Kiel, damals gemeinsam mit dem Sommelier Jan-Peter Marxen. Es folgte das „Lüneburg Haus“ in der Dänischen Straße, der kleinen feinen Straße in Kiels Altstadt. Strehler ist außerdem einer der sieben Gründungsmitglieder von FEINHEIMISCH e.V. und machte sich mit der „Cateringkultur“ einen Namen mit hervorragender Kulinarik bei Veranstaltungen auf Schloss Salzau anlässlich des Schleswig-Holstein Musikfestivals wie auch bei privaten sowie geschäftlichen Events.


Seit Juni 2018 betreibt er sein Veranstaltungs-Catering zusammen mit seiner Frau Anja Anna in dem historischen Gebäude der „Großen Grünen Schützengilde von 1412 e.V.“. Gelegen in einem charmanten Areal, einer versteckten Parkanlage inmitten der Landeshauptstadt, für viele Kieler immer noch ein geheimer Ort, können nun wieder Veranstaltungen jeder Art gebucht werden, auch professionelles Catering gehört weiterhin dazu. Aufmerksam beobachtet er die Norddeutsche Gastronomie-Szene und ist auch als Autor unterwegs. So testet Jochen Strehler ab sofort auch für JO. Restaurants im Norden und wird uns in kommenden Ausgaben auch Rezepte mit regionalen und saisonalen Zutaten liefern - alle natürlich geprägt von Strehlers typischer „Handschrift“.


Lüneburg Haus - Kiel

In Kiels schönster Einkaufsstraße findet sich ein Refugium der guten Gastronomie. Schon lange - und trotzdem ganz entspannt.

Seit Oktober 2013 ist Christina Mann am Ruder. An Ihrer Seite Chefkoch Thorsten Mollenhauer, ein Ex-Azubi aus Strehlers Zeiten und ein 15-köpfiges Team. Foto: Pepe Lange

Ein Nikotin-geschwärzter kupferner Braukessel hing noch Silvester ´93 über dem Tresen des „Jever Böön“ in der kleinen, aber feinen Fußgängerzone der Kieler Altstadt. Wunderliche altehrwürdige Traditionsgerichte gab es hier, den „Herrentoast“ oder auch das „Damen-Gedeck“. Ein Jever dauerte noch 7 Minuten und für die Stammtischbrüder war die Welt hier noch in Ordnung.


Deswegen kam es sogar zu einer angemeldeten Demo dieser Stammgäste gegen die Pacht-Übernahme des Hauses durch 2 angebliche „Yuppie-Gastronomen“. Sommelier Jan-Peter Marxen, heute Kiels führender Weinfachhändler und sein kochender Kollege Jochen Strehler (jawohl, der Autor dieser Zeilen ;-), die einige Kilometer weiter mit dem „Damperhof“ ein sehr kleines, aber gut etabliertes Gourmet-Restaurant betrieben, bekamen diese besondere Immobilie zum Weiterbetrieb angeboten. Die Demo wurde letztendlich überstanden und viele neue Gäste kamen nach umfangreicher Renovierung in das nach dem damaligen Erbauer August Lüneburg benannte Haus. Der Fachhändler für „Jagd-, Fecht- und Mensurwaffen“ schmückte sein Haus mit allerlei Jagd-affiner Deko, sei es im Stuck oder an der Fassade. Dort thronte unter dem Giebel glänzend der Grund, warum das Haus mit dem Zweitnamen „Goldener Hirsch“ fast bekannter wurde als mit seinem eigentlich zugedachten Namen. 12 Jahre führten beide das Restaurant, 2006 übernahm Kollege Salihu (inzwischen in der kultigen Fischküche Laboe) und seit Oktober 2013 ist Christina Mann am Ruder. An Ihrer Seite Chefkoch Thorsten Mollenhauer, ein Ex-Azubi aus Strehlers Zeiten und ein 15-köpfiges Team. Die „Klassiker“-Seite der Karte liest sich noch wie damals, das Kalbsschnitzel ist immer noch so hervorragend wie das kreative Tagesmenü daneben. Mittags und Abends geöffnet, alles (fast) wie früher und doch immer auf der Höhe der Zeit. Schöne Fremdenzimmer im Obergeschoß runden das Angebot ab.


Lüneburg Haus

Dänische Straße 22

24103 Kiel

Tel. 0431 68 26 000

www.lueneburghaus.de

info@lueneburghaus.de

Öffnungszeiten:

Montag bis Samstag ab 12:00 Uhr

Küchenzeiten: 12:00 - 15:00 & 18:00 - 22:00 Uhr

Sonntag ist Ruhetag


Galerie Club 68 - Kiel

Eine Aufzählung von hochwertigen Kieler Restaurant-Klassikern. Kann darunter auch eine urige Kneipe voller Kunst und deftiger Rockmusik sein, berühmt für das Aufeinandertreffen eines Porsche-fahrenden Kult-Wirtes und des „Werner“-Erfinders? Passt sowas? Ohja !

Foto: LICHT & FEDER Marco Knopp

Der Elmschenhagener Jung Holger Henze hatte Stahlbauer gelernt und Kunst studiert in Berlin, als er 1967 mit Absolventen der Muthesius-Kunsthochule dafür sorgte, dass junge Künstler eine Ausstellungs- und Galeriefläche bekamen. In der Kieler Ringstraße startet das „Informationszentrum Junger Künstler“. Aus dem mehrköpfigen Führungsteam kristallisiert sich recht bald Holger Henze als derjenige heraus, der tatsächlich organisieren kann und auch die Buchhaltung nicht aus den Augen verliert. Und so übernahm er ab ´68 dann auch de facto die Leitung des „Club68“. Nie Koch offiziell gelernt, hatte seine Familie, vor allem die Oma aus Selent, dem jungen Holger soviel kulinarisches Qualitätsbewusstsein eingeimpft, dass ihm Fertiggerichte oder Dosensuppen niemals in den Einkauf kommen. In den meisten Kneipen undenkbar, wird hier seit jeher alles frisch gekocht. Der Chef steht bis heute fast tagtäglich in der Mini-Küche und sorgt für höchst schmackhafte Hausmannskost. Stammgäste kommen wegen Holgis Bratkartoffeln, der Linsensuppe oder seinem Original Bauernfrühstück. Grünkohl und Rübenmus sind wunderbar, die Currywurst kommt direkt aus Berlin. Spinat oder Pastagerichte werden nicht mit billigem Industriekäse überbacken, hier gibts immer „UR-alten Gouda“ obenauf, vom Boss selber als ganzer Laib vom Markt geholt, ... manchmal auch im fast weltberühmten roten Ur-Porsche, der sich demnächst erneut dem ewigen Widersacher Brösel samt Horex zum Rennen stellen muss.


Ein Abend in den lauschigen Jaguar-Sesseln mit frisch gezapftem Pils und deftiger Küche sei hier ausdrücklich empfohlen. Nur die Ohren sollten nicht zu zartbesaitet sein.


Galerie Club 68

Ringstraße 68

24103 Kiel

Tel. 0431 61 73 9

www.club68.de

info@club68.de

Öffnungszeiten:

Montas bis Samstag ab 18:00 Uhr

Sonntags geschlossen


Claudios Ristorante alla Scala – Kiel

Claudio Berlese ist sowas wie der „Grande“ der Kieler Top-Gastronomie. Signor Berlese hat viel erlebt und gesehen in mehr als 4 Jahrzehnten in der Landeshauptstadt. Seit 2012 hat er sich in den eigenen 4 Wänden noch einmal neu erfunden, und es ist mindestens so gut wie ehedem.

Bild von Frederic Plambeck

Mit dem „Bella Napoli“ startete 1975 für den damals 24-jährigen Claudio Berlese das Abenteuer Kieler Gastronomie. Das erste eigene Claudio's Ristorante ließ nicht lange auf sich warten und eröffnete 1976 in der Lutherstraße. Ein Weingeschäft folgte, dann das legendäre “Noi Due“ in der Fleethörn, jeweils mit anderen Partnern. Letztendlich allein verantwortlicher Solist unter eigenem Namen wurde er ´83 im Königsweg. Schnell war das “Claudios” DER Treffpunkt Kieler Feinschmecker und Schöngeister. Hochrangige Einträge in einschlägigen Restaurantführern folgten fast zwangsläufig, Claudio hält sich dort bis heute an der Spitzengruppe. Schnurgerade italienische Frischeküche, Top-Produkte und seine ungebrochene Lust, ein wirklicher GASTGEBER zu sein, zog auch Berühmtheiten wie Günther Grass, John Irving & Placido Domingo an, um nur einige zu nennen. 2001 ging es für einen Abstecher nach Mallorca, eine Mischung aus „working holiday und sabbatical“ war die Idee. Nach der Rückkehr öffnete 2002 sein „alla Scala“ im Hotel Nordic in Kiel, bis sich dann 2012 der Kreis schloss.


Im Königsweg 47, also exakt gegenüber seines ersten „Scala“, renovierte er ein geerbtes Hinterhofhaus ganz nach seinem Gusto und fast ausschließlich mit Kraft der eigenen Hände. Wunderbar glänzende Holzböden und -tische erwarten die Gäste, in einer urgemütlichen kleinen Galerie-artigen Bar nimmt man den berühmten „aperitivo della casa“, bevor es dann zum Speisen nach nebenan geht. Eine Karte gibt es nicht, gab es noch nie. Man genießt, „was auf den Tisch kommt“. Für 60.- Euro gibts zum Aperitif erstmal handgeschnittenen San-Daniele-Schinken und wunderbare Oliven, dann folgen 4 stetig wechselnde Gänge, Unverträglichkeiten und Aversionen finden selbstverständlich Gehör. Gekocht wird ausschliesslich nach Reservierung ab 19:00 Uhr. Sonntags und Montags nicht, Claudio findet dann Zeit zum Anbau toller Kräuter, Salate und Gemüse im üppigen Dachgarten. Dieser Mann hat sich noch nie verbiegen lassen, Vertrauen belohnt er mit einem wunderbaren Abend. „Continua cosi, Claudio” möchte man ihm zurufen, …“weiter so!“


Claudios Ristorante alla Scala

Königsweg 47

24114 Kiel

Tel. 0431 67 68 67

keine Website, kein Email

Öffnungszeiten, nur nach Reservierung!:

Dienstag bis Samstag ab 19:00 Uhr

Nach persönlicher Absprache auch andere Zeiten & Tage möglich



Restaurant September - Kiel

Die beiden könnten problemlos ein Buch schreiben über ihre Erlebnisse rund um ihre Gastronomie und über ihr eigenes Leben. Was Reinhard Jaschkowski und Rolf Weißenbruch in der Alten Lübecker Chaussee seit über 40! Jahren auf die Beine gestellt und erlebt haben, passt unmöglich in diese kleine Vorstellung. Seit dem 17.Juni 1985 kann man sich aber durchgängig sicher sein: wer in der Landeshauptstadt in höchst behaglicher Atmosphäre wunderbar speisen und einen schönen Abend verleben will, sollte das „September“ nicht vergessen.

Als die beiden jungen Männer 1976 einen Lagerraum pachten, um an den Wochenenden nebenberuflich eine „Disco“ zu betreiben, war kaum zu erwarten, dass sie 42 Jahre später noch immer am Orte des Geschehens sein könnten, hochwertige Speisen & Getränke servierend.


Das „LiLaLü“, so der Name des Clubs, hatte so großen Erfolg, dass beide Betreiber sich sukzessive aus ihren erlernten Berufen verabschiedeten und fortan komplett der Gastronomie widmeten. Die Existenz geriet zügig wieder in Gefahr, als das Haupthaus des „Lü“ verkauft werden sollte. Fast notgedrungen stemmten Jaschkowski und Weißenbruch den Kauf selbst samt umfassender Renovierung und konnten im Juni 1985 die feierliche Eröffnung des Restaurants „September“ feiern. Der große Wintergarten wurde 2 Jahre später angefügt, ein großer Kamin sorgt für Gemütlichkeit. Schöner kann man in Kiel kaum sitzen. Eine einzigartige Pflanzenpracht begrüßt die Gäste, die durch den Gartenhof ins Restaurant geführt werden und viel Kunst schmeichelt dem Auge schließlich in den Räumen. Ausgezeichnete Küchenchefs trugen zum Erfolg des Unternehmens bei, hier herauszuheben der leider verstorbene Hans-Peter „Benny“ Wiendieck. Der erfahrene Sternekoch schraubte das kulinarische Niveau noch einmal eine Stufe höher – seine Rezepte (wie das legendäre Entenleber-Parfait!) werden bis zum heutigen Tage strikt eingehalten. Und auch wenn die Chefs nicht mehr verbissen nach der Punktezahl in „Gault Millau etc“ schielen, bürgt weiterhin Rolf Weißenbruch persönlich für eine handwerklich blitzsaubere Küche aus besten Produkten, während «vorne» Reinhard Jaschkowski zeigt, was einen guten Gastgeber ausmacht.


Das „Lü“ lief noch Jahre munter nebenan mit und ist noch heute aktiv, speziell die Weihnachts-Parties sind berühmt und positiv berüchtigt!

Reinhard Jaschkowski und Rolf Weißenbruch mögen noch lange Spaß dran haben!


Restaurant September

Alte Lübecker Chaussee 27

24113 Kiel

Tel. 0431- 68 06 10

www.september-kiel.de

Öffnungszeiten: (bitte nach telefonischer Reservierung!)

Dienstag bis Samstag ab 17.00 Uhr

Sonn- und Feiertags geschlossen

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