• JO.

Omas Garten

und köstliche Kindheitserlebnisse



An bestimmte Erlebnisse in der Kindheit erinnere ich mich besonders gerne. Dazu gehört auch die Obsternte im Garten unserer Großmutter. Er lag am anderen Ende der Stadt. Mit dem Fahrrad benötigte ich etwa 20 Minuten dorthin. Das war für mich natürlich kein Problem. Meine Cousins wohnten nahebei und konnten zu Fuß gehen. Zur Erntezeit trafen wir uns dann alle in Omas großem Garten. Obwohl sie sicher nicht immer ein leichtes Leben geführt hat, so war sie stets zu Späßen bereit.


Meine Großmutter hatte 13 Enkelkinder. Einige waren schon erwachsen und berufstätig. Deshalb kamen sie für die Ernte nicht infrage. Wir Jüngeren allerdings gaben immer genügend Helfer ab. Der Garten musste schon vor langer Zeit angelegt worden sein, denn die Obstbäume waren recht groß. Besonders der Apfelbaum erschien mir, wie er in den Himmel ragte, nahezu so hoch wie ein Kirchturm.


Der Garten war zur Straße durch eine dichtgewachsene Wildrosenhecke begrenzt, die im Herbst eine große Menge Hagebutten lieferte. Außerdem gab es eine Vielzahl von Gemüsebeeten. Die Gartenarbeit im Frühjahr und Sommer gefiel uns nicht so sehr; außer, wenn es ums Ernten des Gemüses ging. Denn daraus wurde bei uns zu Hause „Schnüsch“ gekocht. Kennen Sie „Schnüsch“? „Schnüsch“ heißt so viel wie „quer durch den Garten“.

Man nahm also alles, was der Garten so gerade hergab, am besten frisch aus der Erde und kochte es zu einem Eintopf in weißer Milch-Soße. Davon konnte ich gar nicht genug bekommen, so gut schmeckte mir dieses wahrlich typisch norddeutsche Gericht.


Wenn aber die Herbstferien nahten, fieberten wir Enkel der großen „Ernteschlacht“ entgegen. So nannten wir es, weil es zeit- weilig einer Schlacht ähnelte, wenn die Mutigsten meiner Cousins hoch oben in den Obstbäumen hockten und die Birnen und Äpfel hinunterwarfen. Wir fingen sie auf und legten sie in große Körbe. Die Birnen waren eine harte Sorte, nicht besonders gut zum Verzehr in rohem Zustand, dafür umso besser zum Einwecken und Lagern geeignet. Gelegentlich traf uns eine hinunter-geworfene Frucht – im schlimmsten Fall am Kopf. Das war zwar schmerzhaft, aber es hieß Zähne zusammenbeißen. Trotzdem war alles ein Heidenspaß. Ich gehörte nicht zu den Mutigen, die in den Baum kletterten. Das erlaubte mir meine extreme Höhenangst nicht. Es wurden aber nicht nur Birnen und Äpfel geerntet, sondern auch Pflaumen und das viele Gemüse. Sobald die Ernte eingebracht war, wurde alles von Oma gerecht auf die Familien verteilt.


Am Wochenende gingen wir mit den Eltern hinaus in die Knicks, um das, was der Garten nicht hergab, in der freien Natur zu ernten – besonders Fliederbeeren und manchmal auch Schlehen.

Die nächste Phase fand dann zu Hause in unserer Küche statt. Die leeren Weckgläser wurden aus dem Keller geholt und, obwohl sie sauber waren, noch einmal mit heißem Wasser ausgewaschen. Ich erinnere mich an einen altmodischen, großen, grauen Topf, ei- nen sogenannten Einkochtopf, der zum Teil mit Wasser befüllt war und in den die Gläser gestellt wurden. Die Birnen und Pflaumen ergaben ein feines Kompott. Ähnlich verfuhr unsere Mutter auch mit den Gurken und Kürbissen – süß sauer wurden sie verarbeitet und eingelegt. So lieferte das selbst geerntete Obst und Gemüse einen guten Vorrat für das ganze Jahr und diente als Beilage zu allerlei Gerichten. Alle Rezepte waren von Oma überliefert. Tagelang stand die Küche zu Hause wortwörtlich unter Dampf.


Die Hagebutten wurden zu einer Marmelade verarbeitet, die ich heute noch sehr liebe. Die harten Birnen waren lagerfähig und eigneten sich deshalb im Herbst und Winter auch sehr gut für das bei uns so beliebte schleswig-holsteinische Gericht „Birnen, Bohnen und Speck“. Die Äpfel von der Sorte Boskop konnten auch den ganzen Winter über im kühlen Keller lagern. Sie wurden sehr zur Freude von uns Kindern nicht eingekocht. Wir liebten es, sie später an kalten Tagen in der Bratröhre von Omas Kachelofen zu köstlich schmeckenden Bratäpfeln zu backen. Auch wurde am Sonntag immer mal ein Blech Apfelkuchen aus ihnen gezaubert. Aus den Fliederbeeren wiederum wurde Saft gewonnen. Heiß getrunken half er bei Erkältung und Fieber. Außerdem kann ich mich noch gut an Fliederbeersuppe mit Grießklößen erinnern, auch eine typisch schleswig-holsteinische Spezialität. Wir aßen sie entweder warm oder im Sommer auch kalt.


Am Ende waren die Regale im Keller voll mit all den Köstlichkeiten, die im Winter und bis zur nächsten Ernte die heimische Küche bereicherten. Die Gläser und auch die Gummiringe wurden nach Gebrauch gereinigt und immer wieder verwendet. Nichts wurde weggeworfen. Es war im besten Sinne das, was wir heute nachhaltiges Wirtschaften nennen. Ich erinnere mich allerdings nicht von diesem Begriff damals schon gehört zu haben. Es war einfach selbstverständlich, alles das nicht kaputt war, auch weiter zu verwenden. Wann haben wir angefangen, alles wegzuwerfen? Ich weiß es nicht mehr.


Den Garten gibt es heute nicht mehr. Die Stadt ist gewachsen. Es wurden mehrere Häuserblocks gebaut. Nur der Straßenname „Gartenweg“ erinnert noch daran, dass sich dort einst viele Gärten befunden haben. Oma hat das zum Glück nicht mehr erlebt. Es geschah erst viele Jahre nachdem sie in hohem Alter verstorben war.


IN DER KOLUMNE RÜCKBLICK BERICHTET GASTAUTOR PETER BORGWARD REGELMÄSSIG ÜBER PERSÖNLICHE ERLEBNISSE.


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