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Seepferdchen & Nadelfische

Fabelwesen und kleine Helden mit außergewöhnlichem familiären Rollenverhalten



Es sind schon eigenartige Meeresbewohner und muten an, als seien sie aus einer anderen Welt - die Seepferdchen, lateinisch "Hippocampus“ genannt. Sie sehen aus wie Fabelwesen: Der Kopf wie der eines Pferdes, die beweglichen Augen wie die des Chamäleons, der Schwanz wie der bestimmter Halbaffen und der Beutel wie der des Kängurus. Ihre Erscheinung und die Art, wie sie im Wasser aufrecht schweben, verzaubern uns. Der Name leitet sich ab von „Hippokamp“, griechisch für ein Seeungeheuer, vorne Pferd und hinten Fisch. In der griechischen Mythologie galten Seepferdchen als die Nachfahren der Streitrösser Poseidons, die seinen Schlachtwagen zogen. Zoologisch gehören sie zu den Fischen, auch wenn sie nicht so aussehen. Ihre Flossen sind fast ganz zurückgebildet. Der seitlich zusammengedrückte Körper ist mit harten knöchernen Platten besetzt, die schützend wie ein Panzer wirken. Der nach vorn und abwärts gerichtete Kopf und der geschwungene Hals verleihen ihnen tatsächlich das Aussehen eines Pferdes. Einige Artgenossen haben sogar eine „Mähne“. Seepferdchen sind schlechte Schwimmer. Während Fische waagerecht im Wasser schwimmen, schweben die Seepferdchen senkrecht auf und ab. Mit der kleinen, fast ganz zurückgebildeten Rückenflosse können sie sich durch propellerartige Bewegungen nur langsam vor und zurück bewegen. Um den Körper zu stabilisieren, vibrieren die ohrenähnlichen Brustflossen bis zu 70-mal in der Sekunde. Zwei ebenfalls stark zurückgebildete Brustflossen dienen als Steuerruder. Mit dem biegsamen Greif- oder Klammerschwanz können sie sich, mit nicht allzu festem Griff, an Seegraspflanzen oder Korallen festhalten. Bei Sturm werden sie deshalb häufig losgerissen und ans Ufer gespült.


Das seltsame Aussehen der Seepferdchen hilft ihnen beim Überleben. Kaum ein Raubfisch erkennt die merkwürdigen, oft zwischen Pflanzen schwebenden Wesen als Beutefisch. Auch der harte Hautknochenpanzer verdirbt den meisten Jägern den Appetit. Umgekehrt bemerken die Beutetiere der Seepferdchen oft zu spät, dass sie sich einem Fressfeind nähern. Seepferdchen selbst sind typische Lauer-Jäger: Sie jagen nicht, sondern warten regungslos und zwischen Wasserpflanzen gut versteckt, bis ihnen ein Beutetier vor das Maul schwimmt, insbesondere ein Krebstierchen oder eine Schwebegarnele, aber auch Fisch- und Insektenlarven sowie Plankton. Das Mahl wird dann blitzschnell mit dem vorstülpbaren, röhrenförmigen, zahnlosen Maul aufgesaugt.


Dabei sind auch die relativ großen Augen hilfreich, die sich unabhängig voneinander bewegen. Ähnlich wie Chamäleons, besitzen Seepferdchen auch die Fähigkeit ihre Körperfarbe an die jeweilige Umgebung anzupassen. Meist nehmen sie eine grüne, beige, hellbraune Grundfärbung mit weißen Flecken oder Streifen an.


Einige Arten können sogar blaue, orangene oder purpurrote Färbungen annehmen. Obwohl sie sich bei uns ganz selten auch in der Nord- oder Ostsee finden lassen, können wir sie jedoch am besten im Aquarium bestaunen und bewundern. Neben ihrem Aussehen weist auch ihre Lebensweise einige Besonderheiten auf. In der Regel leben Seepferdchen monogam.


Bei ihnen werden nicht die Weibchen, sondern die Männchen trächtig. Die Weibchen produzieren die Eier und legen mit ihnen einen großen Dottervorrat an. Drei bis sieben Tage lang umwerben sie sich und umschlingen dabei ihre Schwänze. Ist das Weibchen paarungsbereit, so beginnt das Paar einen anmutigen Hochzeitstanz. Danach legt das Weibchen seine gereiften Eier in die känguruähnliche Bruttasche am Bauch des Männchens. Die Befruchtung erfolgt durch das Männchen selbst und die Embryonen entwickeln sich in der wasserdicht abgeschlossenen Tasche. Die Tragzeit ist abhängig von der Wassertemperatur und dauert zwischen zehn bis vierzig Tage. Während dieser Zeit verbringen die Paare jeden Tag gemeinsam, um ihre Bindung mit einem wiegenden und kreisenden Tanz zu festigen. Schließlich zieht sich das Männchen zur Geburt in das Seegras zurück und presst die Jungen wehen-artig heraus. Diese bewegen sich sogleich an die Wasseroberfläche und füllen als erstes ihre Schwimmblase mit Luft. Sie sind nun selbstständig und kehren nicht in die Bruttasche zurück, sondern beginnen mit der Jagd auf kleine, planktonische Krebstiere. Bei einigen Arten findet nach nur einem Tag die erneute Paarung statt. Wie erwähnt, führen Seepferdchen zeitlebens eine Einehe. Verstirbt ein Partner, dann stellt der verbleibende Partner die Fortpflanzung zunächst ein. Erst nach längerer Zeit erfolgt eine neue Partnersuche. Die Reproduktion von Seepferdchen wird dadurch auf natürliche Art eingegrenzt.


Gefährdet aber ist die Art viel mehr durch uns Menschen. So sind zum Beispiel die Seegraswiesen ein wichtiges Habitat für die Seepferdchen. Diese gehen jedoch durch die – dem Klimawandel geschuldete – Erwärmung der Meere und die menschengemachte Verschmutzung der Meere stark zurück. Auch werden riesige Mengen an Seepferdchen für kommerzielle Zwecke gefangen. In China werden sie als Heil- und Potenzmittel verkauft. Und getrocknet werden sie auch kunstgewerblich genutzt als Amulette, Touristen-Souvenirs und ornamentalen Schmuck wie Bilderrahmen, Kerzen, Schlüsselanhänger und Briefbeschwerer. Glücklicherweise gibt es inzwischen in einigen Ländern Bemühungen, die Art zu schützen.


Eng verwandt mit dem Seepferdchen, auch wenn sie wie ein kleiner Hecht anmuten, sind die heimischen Seenadeln, auch Nadelfische genannt. Seenadeln sind auf der ganzen Welt verbreitet. Bei uns leben sie in der Nordsee und der westlichen Ostsee. Im Gegensatz zu den Seepferdchen ist der Körper der Seenadeln aalartig langgestreckt und sie schwimmen auch waagerecht wie die Fische. Der Kopf der Seenadel ähnelt hingegen dem des Seepferdchens. Das Paarungs- und Fortpflanzungsverhalten ist das gleiche, wie das der Seepferdchen. Seenadeln leben meist monogam. Sie paaren sich nach einem Balzverhalten, bei dem sie synchron hin und her schwimmen. Die Männchen übernehmen die Eier dann vom Weibchen an der schwammartig veränderten Bauch- oder Schwanzunterseite, wo sie vom Männchen befruchtet werden. Nach ein bis zwei Wochen schlüpfen, über zahlreiche Tage verteilt, einzeln die bereits relativ großen Jungnadeln, die sofort winzige Zooplankton-Organismen fressen.


Das einzigartige Fortpflanzungsverhalten, gibt den Seepferdchen und Seenadeln in der Tierwelt eine Sonderstellung. Dadurch, dass die Männchen die Mühsal der Brut und der Geburt den Weibchen abnehmen, dürfen wir sie mit einigem Wohlwollen als kleine Helden bezeichnen. Wer die beiden artverwandten Fische in Augenschein nehmen möchten, sollte unbedingt das Aquarium in Kiel besuchen. Hier warten noch viele andere Meeresbewohner und die liebenswerten Seehunde im Freibecken.


Aquarium GEOMAR Düsternbrooker Weg 20 • 24105 Kiel • Tel. 0431 - 600 1637 kontakt@aquarium-kiel.de


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