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DIE BANK

EIN NEUER BEGEGNUNSORT IN DER KIELER INNENSTADT


Rendering - Raumskulptur von unten bei Regen

Die Kieler Innenstadt mit ihrer zentralen Lage, umgeben von Gewässern und Parks und einer attraktiven Nähe zur Förde, ist ein Ort voller Potenziale. Trotz alledem hat sie wie viele deutsche Innenstädte dieser Größe strukturelle Schwierigkeiten. Doumorh El-Riz hat sich im Rahmen ihrer Masterarbeit mit dem Thema „Innenstädte der Zukunft“ auseinander gesetzt und für die Kieler Innenstadt einen Begegnungsort mit verschiedenen integrativen und innovativen Nutzungsmöglichkeiten entworfen. Ihre grundlegende These dabei ist, dass die Kieler Innenstadt einen Gegenpol zur bisherigen einseitigen kommerziellen Ausrichtung benötigt, der soziales und gemeinschaftliches Handeln fördert. Für das Gestaltungskonzept wurde das Hauptgebäude der „Pleitebank“ HSH Nordbank im Martensdamm 3 und der dahinterliegende Parkplatz Faulstraße gewählt. Doumorh El-Riz macht lässt diesem negativ behafteten Ort einen für die Bürger*innen und Besucher*innen Kiels einen positiv besetzten Kultur- und Freizeitort entstehen.


Portrait Doumorh El-Riz

Die hier neu geschaffenen Nutzungsmöglichkeiten unterteilen sich in verschiedene Ebenen. Auf der Bildungsebene sind Orte wie eine Bibliothek und ein Lernzentrum geplant, an denen Bildung ein Teil des Alltags wird. Im Vordergrund steht dabei die Unterstützung von Schüler*innen, Student*innen und Migrant*innen. Des Weiteren soll es einen Handwerk fördernden „Maker-Space“ mit professionell ausgestatteten Holz- und Metall-Werkstätten und einem Prototyping-Labor mit Computergesteuerten Werkzeugen geben. Die Freizeit Ebene soll mit einer Sporthalle, einem Outdoor- sowie

einem Indoor-Spielplatz ausgestattet werden. Hier sollen Sportkurse im öffentlichen Angebot stehen, wobei die Räumlichkeiten temporär auch frei buchbar wären. Über die Angebote der körperlichen Aktivitäten hinaus soll es einen „Urban Livingroom“ geben. Dieser besteht aus verschiedenen reservierbaren Räumen wie zum Beispiel Wohnzimmer mit Streaming und virtuellen Spielmöglichkeiten, Küchen mit Essbereichen und akustisch abgeschirmte Räume für musikalische Entfaltung.


Eine weitere Ebene sind die „Openspaces“. Dies sind interpretierbare und öffentlich zugängliche Areale, wie Veranstaltungsräume, Bühnen, Mehrzweckräume, Aussichtsplattformen, begrünte Außenbereiche und offene Außenflächen, die unterschiedlich bespielt werden können. Die Openspaces bieten Raum für Konzerte, Lesungen, Seminare, Meetings und viele andere private wie auch öffentliche Veranstaltungen wie beispielsweise Nachtmärkte und Flohmärkte. Die Dachflächen des gesamten Gebäudes sind begehbar und laden alle Besucher ein, die Aussicht über die Stadt Kiel zu genießen. Im Vordergrund steht dabei die Förderung von zwischenmenschlichen Interaktionen. Ein Begegnungsort, der die Bürger*innen Kiels mitten in der Innenstadt Platz für Kultur, Freizeit, Bildung und Austausch bietet und der zu jeder Tages- und Nachtzeit zugänglich ist.


Auf dem Parkplatz Faulstraße ist eine begehbare Raumskulptur mit einer interpretierbaren Raumstruktur, die den Besucher*innen die Freiheit gibt, sich den Raum temporär anzueignen, geplant. Die Raumskulptur ist Teil der Openspace-Ebene und bietet Platz für verschiedenste Nutzungen – wie beispielsweise Nachtmärkte mit besonderem kulinarischen Angebot und verschiedenen kulturellen Aktionen. Sie bietet zwei Ebenen und erstreckt sich über die gesamte Fläche des „Faulstraßen Platzes“. Die obere Ebene ist eine begehbare Plattform, die durch eine Treppe und einen Aufzug zugänglich ist. Die Plattform bietet Aussparungen, die Platz für den alten Baumbestand des Platzes lassen. Um die Öffnungen für die Bäume herum sind Sitzgelegenheiten angelegt, die gleichzeitig als Geländer fungieren. Durch die Höhe der Plattform befinden sich die Besucher*innen quasi in den Baumkronen und bekommen nie zuvor gesehene, naturverbundene Perspektiven geboten. Die vielen Sitzgelegenheiten, der großzügige Freiraum und die Nähe zu den Bäumen strahlen Ruhe aus und bieten einen Rückzugsort und zugleich viel Potential für zwischenmenschliche Interaktionen. Die dichten schützenden Baumkronen bieten Schatten bei Sonne und leichten Witterungsschutz bei Regen.


Der in Kiel häufig vorherrschende Regen diente Doumorh El-Riz bei ihren Entwürfen als Funktions- und Gestaltungsgrundlage für die visuelle Vermittlung des Klimawandels mit Bezug auf den Jahrhundertregen. Dieser soll an diesem Begegnungsort als Erlebnis präsentiert werden und die Bürger*innen der Stadt auch bei Regen in die Innenstadt locken. Der Regen, der auf das „HSH Nordbank“ Gebäude, auf die umliegenden Gebäude und auf den „Parkplatz Faulstraße“ fällt, wird über die Raumskulptur in eine begehbare Zisterne geleitet, die das Regenwasser auffängt und speichert. Je nach Höhe des Wasserstandes in der Zisterne ist auch diese begehbar. Hierbei soll eine unterbewusste Vermittlung der Auswirkungen des Klimawandels stattfinden. Bei starkem Regenfall entsteht an der Öffnung in der Plattform über der Zisterne dann eine Art Wasserfall, an dem man die konzentrierte Niederschlagsmenge beobachten kann. Während die Besucher geschützt vor Regen unter der Plattform stehen wird ihnen somit gleichzeitig eine kleine Attraktion geboten. Ausgehend von dieser Regenwasseröffnung ist die Decke an der Unterseite der Plattform in zunehmend größer werdenden, ringförmigen Wellen gestaltet – eine Symbolik für Wellen, die entstehen, wenn ein Regentropfen auf eine Wasserfläche fällt. Unter der Plattform sind die gesamte Decke, die Säulen, die Außenkanten der Plattform und die Innenkanten an den Öffnungen für die Bäume verspiegelt. So wird zum Einen möglichst viel Licht reflektiert, um die untere Ebene zu erhellen, zum Anderen reflektieren sich auch die Besucher*innen und ihre Handlungen in ihnen – sie brechen die Anonymität und bieten Potential für Interaktionen. An diesem Ort dreht sich alles um Wasser, Licht, Bäume und zwischenmenschliche Begegnungen. Hier wird der Regen zum Erlebnis, Zusammenkommen wird gefördert und Veranstaltungen jeglicher Art werden möglich gemacht.


Am Anfang des Design Prozesses dieser Arbeit stand der Gedanke mit einem Gestaltungsvorschlag der Innenstadt neue Mehrwerte zu bieten, um diese wieder stärker zu beleben. Dafür wurden zunächst die gesamte Innenstadt exploriert und zwei Workshops veranstaltet, um mögliche Gründe für die fortschreitende Verödung der Innenstadt zu ermitteln und zu überprüfen. Im Zuge der theoretischen Recherche wurde klar, dass dem komplexen Problem der Innenstadt Verödung nicht mit benennbaren Lösungen entgegengewirkt werden konnte, sondern, dass dieses Phänomen einen gesamtheitlichen Lösungsansatz benötige. Es galt gesellschaftliche, politische, soziale und die Umwelt betreffende Aspekte zu berücksichtigen.


Der oben beschriebene Entwurf „Die Bank“ ist daher nicht als finale Lösung gedacht. Vielmehr soll er Impulsgeber für die Gestaltung neuer Orte in der Innenstadt sein. Doumrh El-Riz schafft in Ihrem Konzept eine neue Begegnungsstätte mit Räumen, die in gegenseitigen Bezug zu den Bewohnern Kiels stehen und so ein Bewusstsein für die Umgebung zu schaffen und eine gemeinsame Identifikation zu stiften.


Doumorh El-Riz, geboren im August 1989 im Libanon, ist in Lüneburg aufgewachsen und lebt seit Oktober 2012 in Kiel. Sie ist gelernte Kauffrau im Einzelhandel und hat vier Jahre in Vollzeit und fast 8 Jahre als Nebentätigkeit im Einzelhandel im hochwertigen Möbelbereich gearbeitet und Raum- und Möbelkonzepte für private und öffentliche Räume gestaltet. Im Jahre 2016 hat Doumorh an der Muthesius Kunsthochschule Ihren Bachelor Abschluss mit dem Schwerpunkt Raumstrategien und Szenografie gemacht. Um zu lernen, wie menschliche Interaktionen in Verbindung mit digitalen Oberflächen und physischen Artefakten in unserer digitalen Lebenswirklichkeit funktionieren, hat sie ein Master Studium im Fachbereich Interface Design (Industriedesign) absolviert. Mit ihren Erfahrungen aus den Raumstrategien und neu erlernten Methoden aus dem Interface Design vereinte sie in ihrer Master Thesis beide Kompetenzen, um Räume aus menschlichen Handlungen heraus zu gestalten.


Ihre Master Thesis „Die Bank“ wurde von Herrn Prof. Frank Jacob aus dem Interface Design und Frau Prof.in Sandra Schramke aus dem Fachbereich Raumstrategien betreut. Seit September 2018 ist sie an der Muthesius Kunsthochschule angestellt und arbeitet derzeit an der Organisation die Students Interaction Design Research Conference, kurz SIDeR, die in diesem Jahr vom 13. – 14. September zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum an der Muthesius Kunsthochschule mit dem spannenden Untertitel SUB/SIDE/SUPER HUMAN stattfindet. Außerdem ist sie Teil des interdisziplinären Organisations-Teams der erstmaligen September Academy der Muthesius Kunsthochschule, die ihre Türen vom 25. - 28.09.19 für Jeden öffnet - Menschen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Doumorh El-Riz ist immer auf der Suche nach spannenden Projekten, die sich mit der Förderung gesellschaftlichen Mehrwertes auseinandersetzen.



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